Toni Erdmann

Vater einer karriereorientierten Tochter nähert sich nach vielen Jahren an und verändert durch absurden Humor ihr Leben.

„Toni Erdmann“ war bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes einer der am meisten diskutierten Beiträge. Jetzt, wo der Film ins Kino kommt, habe ich mich mal auf den Weg ins (Programm-)Kino gemacht und den Film begutachtet. Keine leichte, aber geistig und seelisch nahrhafte Kost…

Winfried ist ein pensionierter Musiklehrer. Er lebt alleine mit seinem alten Hund, kümmert sich um seine Mutter und fällt hauptsächlich durch seinen schrägen Humor auf. Von seiner Tochter Ines sieht er nicht viel – sie ist eine vielbeschäftigte Unternehmensberaterin, die aktuell in Bukarest lebt und sich um die dortigen Probleme der Ölförderindustrie kümmert. Winfried beschließt, Ines spontan zu besuchen. Er bricht in ihr Leben ein und erleidet Schiffbruch, weil weder Vater noch Tochter das Leben des jeweils anderen verstehen bzw. verstehen wollen. Konsterniert trennen sich die beiden nach dem Wochenende. Doch während Toni ihren Freundinnen noch vom „fürchterlichsten Wochenende ihres Lebens“ berichtet, taucht ihr Vater auf – verkleidet als schräger Lebemann. Winfried verkleidet sich als Kunstfigur „Toni Erdmann“, der auf der Suche nach Ion Tiriac ist und versucht zum zweiten Mal, in Ines Leben einzudringen. Diesmal mit mehr Erfolg. Er nimmt sie häufig subtil auf die Schippe und wird in verschiedenen Identitäten Teil ihrer beruflichen Aktivitäten. Dabei erlebt er sehr viele zutiefst menschliche Begegnungen, während Ines sich in der oberflächlichen Luxuswelt der Berater verfängt. Aber manchmal prallen beide Welten auch aufeinander und es knistert. Vater und Tochter erleben ein paar herrlich absurde Momente, die in einer aus einem Kleidungsunfall resultierenden „Nacktparty“ zu Ines Geburtstag ihren Höhepunkt finden. Vater und Tochter haben sich verstanden, zueinander gefunden. Spätestens beim nächsten Heimatbesuch von Ines, als ihre Großmutter beerdigt wird.
„Toni Erdmann“ ist ein sehr langer Film mit einem sehr langsamen Erzähltempo. Ich habe einige Zeit gebraucht, um die Konstellation von Vater und Tochter zu verstehen und die gegenseitige Versuche, den anderen zu verstehen, einordnen zu können. Aber ab einem bestimmten Punkt zieht der Film einen in den Bann. Es gibt zwar immer wieder sehr aktive Fremdscham-Momente, wenn Toni Erdmann wieder über die Stränge schlägt aber nach und nach bemerkt der Zuschauer, dass sich viel vom schrägen Humor des Vaters auch in seiner Tochter wieder findet. Diese Momente werden im Laufe des Films immer zahlreicher und finden ihren vorläufigen Höhepunkt in einer gemeinsamen Whitney-Houston-Performance auf einer orthodoxen Osterfeier. Dabei finden sich immer wieder märchenhafte Anspielungen im Handlungsverlauf: Mal sind es des Kaisers neue Kleider, als Ines Chef in die Nacktparty einsteigt oder aber Hans im Glück, als Hans Äpfel weiterverschenkt. Der Film stellt viele wichtige Fragen, mir sind einige davon im Kopf haften geblieben: Muss man sich verkleiden, um zu sich selbst zu finden, fremd werden, um Identität zu suchen? Und wie kann man den Moment konservieren, wissend, dass er trotz allgegenwärtiger Fotografiererei höchst flüchtig ist. Die beiden Hauptdarsteller Peter Simonischek und Sandra Hüller leisten tolle Arbeit, viele Dialoge scheinen spontan inszeniert zu sein. Trotz seiner massiven Länge von 2 1/2 Stunden ist Toni Erdmann ein lustiger Film, der zum Nachdenken anregt und das Gefühl vermittelt, zumindest ein paar interessante Fragen gehört zu haben. Großartig.

Filmfacts

  1. „Toni Erdmann“ war seit 2008 der erste deutsche Film im Hauptprogramm des Festivals von Cannes.
  2. Gedreht wurde in Aachen und Bukarest.
  3. Der Vater der Regisseurin Maren Ade neigt auch dazu, mit einem falschen Comedy-Gebiss zu spielen. Er war eine Teilvorlage für die Figur des Winfried.
  4. Der Film erreichte trotz seiner Sperrigkeit den fünften Platz in den deutschen Kinocharts.
  5. An 56 Drehtagen wurden 120 Stunden Rohmaterial gedreht.


Toni Erdmann (2016)
Toni Erdmann poster Rating: 9.0/10 (303 votes)
Director: Maren Ade
Writer: Maren Ade (screenplay)
Stars: Peter Simonischek, Sandra Hüller, Michael Wittenborn, Thomas Loibl
Runtime: 162 min
Rated: N/A
Genre: Comedy, Drama
Released: 14 Jul 2016
Plot: A father tries to reconnect with his adult daughter.

Rating: 5.5. From 2 votes.
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