Before Midnight – Harte Beziehungsarbeit

Bildquelle: ProKino
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Da dieser Film die Fortsetzung der Filme ‚Before Sunrise‘ und ‚Before Sunset‘ ist, war klar, dass ich als Fan dieser beiden Produktionen auch den dritten Teil sehen musste. Bis jetzt kam alle neun Jahre eine Fortsetzung heraus und bildete damit inhaltlich, als auch bezüglich der Entwicklung seiner Protagonisten und der der Hauptdarsteller Julie Delpy und Ethan Hawke, sehr real eine Lebensgeschichte nach und begleitet damit eine ganze Generation auf deren Lebensweg.

Ein Paar macht Ferien in Griechenland und durchlebt während eines Tages eine Beziehungskrise, die fast das Ende bedeutet.

Auch wenn man die Vorgänger dieses Filmes nicht gesehen hat, macht es Spaß, sich dieses Beziehungsdrama anzuschauen. Aber natürlich ist es gut, wenn man die Vorgeschichte der Französin Celine und des Amerikaners Jesse kennt.

Vor 18 Jahren begegneten sich die Beiden im Zug nach Wien und verbrachten dort eine romantische Nacht mit vielen Gesprächen. Am nächsten Morgen trennte sich deren Weg und ließ offen, ob sich die Liebenden je wieder sehen werden. Das passiert im zweiten Teil. Neun Jahre später finden sie in Paris wieder zusammen. Jesse ist ein erfolgreicher Buchautor, der ihre Liebesgeschichte niedergeschrieben hat. Celine ist eine Umweltaktivistin. Beide leben in einer Beziehung, finden aber schnell heraus, dass sie füreinander bestimmt sind. Auch der zweite Teil lässt am Ende offen, ob Jesse seinen Flieger in die USA nimmt oder nicht.

Und jetzt dürfen wir neun Jahre später wieder Zeuge werden, wie die Geschichte weiter geht. Celine und Jesse sind mittlerweile ein Paar und Eltern von Zwillingen. Sie verbringen ihren Urlaub auf dem Anwesen eines befreundeten englischen Schriftstellers in Griechenland zusammen mit einem weiteren Paar in ihrem Alter und einem jungen Pärchen, das die Erinnerung an die Nacht in Wien wieder aufleben lässt. Jesse ist geschiedener Vater eines 13-jährigen Jungen, den er gleich in der Anfangsszene auf einem griechischen Flughafen verabschieden muss, weil dessen Ferien zu Ende sind und er zurück zu seiner Mutter nach New York fliegt.

Diese Szene zeigt den Konflikt eines jeden geschiedenen oder getrennten Vaters, der sich immer wieder von seinen Kindern verabschieden muss. Jesses Sohn bleibt cool, aber Jesse stehen die Tränen in den Augen, weil er glaubt, dass er die wichtigste Entwicklungsphase seines Sohnes verpasst und nicht für ihn da ist. Damit ist auch der Konflikt des Filmes gesetzt. Denn Jesse würde Celine gerne dazu bringen, mit ihm nach New York zu ziehen. Sie ist dazu aber nicht bereit, weil sie nicht in der Nähe seiner Ex-Frau leben möchte und dafür ihr Leben in Frankreich aufgeben soll.

Auf der Autofahrt zurück ins Ferienhaus wird der Zuschauer in einem langen, zehnminütigen Take in den Beziehungs-Alltag der Beiden eingeführt. Nur ein einziger Schnitt unterbricht diesen langen Dialog. Dadurch wird eine Spannung erzeugt, die später zum Tragen kommt, wenn die Diskussion darüber, wie sie ihr Leben weiter führen wollen, eskaliert. Im Making-Off erzählt Regisseur Richard Linklater, der auch bei den beiden Vorgängern Regie geführt hat, dass dieser Take aufgrund seiner Länge und des zu beherrschenden Textes für alle Beteiligten nervenaufreibend war. Und als am Ende der Szene die Autofahrt vorbei ist war die große Frage, ob das kleine Zwillingspärchen, das schlafend auf den Rücksitzen des Autos saß auf das richtige Stichwort die Augen aufmacht oder tatsächlich eingeschlafen ist.

Jesse und Celine verbringen die folgende Nacht ohne Kinder in einem Hotel und geraten in einen Streit über ihre Selbstsüchtigkeit und unerfüllten Bedürfnisse in ihrer Beziehung. Als Celine diese für beendet erklärt, schafft es Jesse doch noch, eine Versöhnung herbei zu führen. Ob diese von Dauer ist, lässt der Film, wie auch seine Vorgänger am Ende offen. Wir dürfen uns also auf einen vierten Teil in zehn Jahren freuen.

Wie in einem richtigen Theaterstück hat diese Inszenierung nur wenige Schauplätze und Szenen. Wenn ich richtig gezählt habe, insgesamt nur sieben. Im Vordergrund steht der Dialog und für den Zuschauer das Wiedererkennen seiner eigenen Lebenssituation in der der Protagonisten. Oft genug kommt einem der Gedanke ‚Ja, genauso geht es mir auch‘. Denn schließlich sind in westlichen Großstädten über 50% der Paare mit Kindern geschieden und kennen die Problematik selber und durchleben genau die Konflikte, die Celine und Jesse im Film haben. Und weil man sich diesmal als Augenzeuge vor dem Bildschirm gemütlich zurück lehnen kann und nicht selber das Streitgespräch führen muss, wird man magisch davon angezogen und ist am Ende des Films überrascht, dass es schon vorbei ist, obwohl eigentlich nicht viel passiert ist.

Wenn man natürlich Pech hat, kann sich nach dem Anschauen dieses Films, die Diskussion im eigenen Wohnzimmer fortsetzen. Oder im günstigeren Fall zeigt einem der Film, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen und dass andere genau Dasselbe durchleben. Auf jeden Fall gehört dieser Film zu der Kategorie Film, der einem im eigenen Alltag in den Wochen nach dem Anschauen immer wieder in den Sinn kommt. Und das ist immer ein gutes Erkennungszeichen für Qualitätsfilme. Auch wenn man am Schluss ein bisschen ratlos zurück gelassen wird.

Fakten:

1. Der Regisseur Richard Linklater und die beiden Hauptdarsteller Julie Delpy und Ethan Hawke haben die Story und das Drehbuch zu allen drei Teilen gemeinsam geschrieben.
2. Das Drehbuch zum dritten Teil entstand in Griechenland dort, wo auch der Film gedreht wurde.
3. Das Ferienhaus des älteren britischen Schriftstellers ist auch in Wirklichkeit das Haus eines britischen Autors, der zehn Monate vor den Dreharbeiten starb. Seine Haushälterin taucht kurz im Film auf, als sie abends das Essen serviert.
4. Der Take der Autofahrt ist am Beginn des Films ist einer der längsten der Filmgeschichte.
5. Walter Lassaly, der Darsteller des älteren Schriftstellers ist im wahren Leben Kameramann und gewann 1965 einen Oscar für die beste Kamera für den Film ‚Alexis Sorbas‘ mit Anthony Quinn.

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