Cartel Land

Dokumentarfilm, der die Entwicklungen von Bürgerwehren in den USA und Mexiko beschreibt und sehr reflektiert auf die rechtsstaatlichen Probleme hinweist.

Nicht nur als begeisterter „Breaking Bad“ und Don Winslow-Fan interessieren mich die chaotischen Verhältnisse in und um Mexiko, das mehr und mehr im Drogensumpf zu versinken scheint. Hier offenbart sich ein Versagen des Staates, das auch auf die Nachbarländer übergreift und an das Kolumbien der 80er Jahre erinnert. Darum griff ich bei Cartel Land beherzt zu und warf das Equipment im Kinokeller an:

In Arizona, an der Grenze zu Mexiko leiden die Bewohner unter Übergriffen der Drogenkartelle, die hier ihre Transportrouten nach Norden betreiben und beschützen. Da man mit dem Vorgehen der amerikanischen Grenzschützer nicht zufrieden ist, hat sich eine bunte Mischung von Desperados, Waffennarren und Familienvätern zu einer Bürgerwehr zusammengeschlossen. Schwer bewaffnet und in paramilitärischen Uniformen patrouillieren diese an der Grenze entlang und versuchen, einzelne Spähtrupps der Drogenmafia festzusetzen und diese dann an die Behörden zu übergeben. In der mexikanischen Provinz Michoacan ist die Lage deutlich dramatischer. Hier haben die Drogenkartelle unschuldige Landarbeiter reihenweise ermordet, weil ihre Chefs kein Schutzgeld zahlen. Darauf bildet sich 2013 unter der Führung des Arztes Dr. Jose Mireles eine Bürgerwehr, die schwer bewaffnet Jagd auf die Kartelle macht. Es gelingt den mutigen Männern, einige Dörfer von den Kartellen, besonders dem „Templer-Kartell“ zu befreien. Dabei geraten die Milizen häufig mit der überforderten Polizei aneinander. Als Mireles nach einem Flugzeugunglück außer Gefecht ist, übernimmt sein Vize, genannt „Papa Schlumpf“ die Führung. Die Aktionen werden gewalttätiger und nach Plünderungen und Folterungen werden auch Drogenhandelsvorwürfe laut. Die mexikanische Regierung stellt die Bürgerwehr vor die Wahl, entweder ein Teil der von ihr gesteuerten Polizei zu werden oder aber wegen illegalen Waffenbesitzes der Strafverfolgung ausgesetzt zu werden. Ein großer Teil entscheidet sich für die erste Variante – unter der Führung von „Papa Schlumpf“. Mireles entscheidet sich dagegen, wird später inhaftiert und sieht sich als Märtyrer. Die aus der Bürgerwehr hervorgegangene Bürgerpolizei ist inzwischen ein fester Teil der Drogenmafia geworden, ihre Mitglieder produzieren sogar in Uniform Meth.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Dokumentarfilmen. Aber dieser Film ist extrem gut gemacht. Zum einen hat er ein beachtenswertes technisches Niveau – gute Schnitte, tollen Ton. Zum anderen ist er durch die Schnittechnik anders als andere Dokumentationen nicht im 08/15-Format „Zeitzeuge erzählt vor Foto“-Format gedreht, sondern mutet stellenweise wie ein Thriller an. Das ist meilenweit von deutschen TV-Produktionen entfernt und viel, viel unterhaltsamer. Sicher hat da auch die Oscar-prämierte Produzentin Kathryn Bigelow („The Hurt Locker“) Einfluss auf die großartige Arbeit von Regisseur Matthew Heidemann. Wirklich überragend sind aber die Erzählweise und die quasi eingebaute Reflektionsebene. Genau hier vermutet der gemeine Europäer ja arroganterweise gerne mal Defizite bei US-Produktionen. Nicht so hier. Der Leser wird auf eine interessante Reflektionsreise mitgenommen: Anfangs hat man großes Verständnis für die Bürgerwehren und die Leute, die „was tun wollen“ und freut sich über den Pragmatismus. Aber nach und nach zeigen sich die Probleme des Vorgehens ohne staatliche Legalität. Es fehlt an Legitimation, Kontrollen und Appelationsinstanzen. Dadurch nähert sich die „Moral“ der Bürgerpolizei immer mehr der der Kartelle an und es entsteht letztlich ein Kampf unter Gesetzlosen um die Straße. Das gibt einem auch sehr zu denken, was Bürgerwehren und ähnliche krude Dinge hier in Deutschland angeht. Ein Film, der zum Denken anregt und gleichzeitig unterhält. Besser geht es kaum. Muss man sehen.

Filmfacts

  1. Die Idee zum Film kam Regisseur Matthew Heidemann durch einen Artikel über US-Bürgerwehren im Rolling Stone. Sein Vater versorgte ihn mit einem weiteren Artikel aus dem Wall Street Journal über Mireles.
  2. Heinemann bekam für den Film einen Dokumentarfilmpreis beim Sundance Film Festival 2015.
  3. Während die „Autodefensas“ ihren ersten Jahrestag feiern, erscheint ein „Time“-Titel mit Präsident Enrique Peña Nieto als Retter von Mexiko. Es wird darüber spekuliert, dass Time dafür 44.000 US-Dollar von Niete erhalten hat.
  4. Der Film steht auf der Shortlist der besten 15 Dokumentarfilme für die Oscars 2016.
  5. Cartel Land spielte in den Kinos eine knappe Million US-Dollar ein.


Cartel Land (2015)
Cartel Land poster Rating: 7.4/10 (3,363 votes)
Director: Matthew Heineman
Writer: N/A
Stars: N/A
Runtime: 100 min
Rated: R
Genre: Documentary, Action, Drama
Released: 03 Jul 2015
Plot: A physician in Michoacán, Mexico leads a citizen uprising against the drug cartel that has wreaked havoc on the region for years. Across the U.S. border, a veteran heads a paramilitary ...

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